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Bücher, Börse, Sucht

„Jeder Mensch ist süchtig“, lautete kürzlich die These einer Kollegin, die aus ihrer Praxis von Coachees berichtete, die zum Beispiel täglich zwei Stunden Cello spielen mussten, obwohl Beruf und junge Familie sie schon voll gefordert haben. Oder die vier bis fünf Bücher pro Woche lesen mussten, weil’s anders nicht mehr ging. Gesellschaftlich betrachtet mögen Musik und Literatur ja nur positiv besetzt sein. Für die Betroffenen und für ihr Umfeld war ihr Suchtverhalten jedoch eine große Last, die täglich zu tragen war.

Beide Beispiele sind sogenannte „Verhaltenssüchte“. Sie haben wenigstens den Vorteil, nicht gesundheitsschädlich zu sein. Außer Kontrolle geraten können sie trotzdem. Der wohl bekannteste „Verhaltenssüchtling“ der letzten Jahre dürfte wohl Uli Hoeneß sein, der über viele Jahre hinweg spielsüchtig war und Beträge gewonnen und verloren hatte, die Andere in ihrem ganzen Leben nicht verdienen können.

Was mich an dem Beispiel sehr fasziniert: Hoeneß hatte ja all die Jahre ein extrem erfülltes und erfolgreiches Leben. Mehr Aufmerksamkeit, mehr Fußballtitel, mehr Jetset, mehr Geld konnte man kaum haben. Trotzdem war es für ihn offenbar nicht genug. Oder war es ihm etwa zu viel?

Zwei Wortspiele fallen mir nämlich zu dem Thema ein:

(1) „Wer süchtig ist, sucht.“ Dieser Mensch will ein tiefsitzendes Bedürfnis stillen, das er allerdings oft selbst nicht benennen könnte. Und er sucht verzweifelt immer wieder an der falschen Stelle, nämlich in seinem Suchtverhalten. Da findet er zwar immer nur kurzfristig eine Erleichterung und Erlösung, aber das genügt, es beim nächsten Mal wieder genauso zu machen.

(2) „Sucht ist immer ein Fluchtweg. Eine Flucht weg.“ Hier geht es mehr um den Aspekt, dass irgendetwas an der momentanen Situation sich ungut anfühlt. Der Druck ist zu groß. Die Ungewissheit droht einen zu erdrücken. Die Konflikte nehmen überhand. Was auch immer. Anstatt nun aber die Themen anzupacken und sie nach Möglichkeit zu lösen, flieht man sich in seine Sucht, die wohltuende, kurzfristige Abwechslung bedeutet und ein Vergessen, wenigstens für den Augenblick.

Wenn nun die These meiner Kollegin vom Anfang dieses Blogs stimmt… Was ist denn Ihre persönliche Sucht, egal ob sie größer oder kleiner ausfällt? Wo finden Sie sich wieder, eher bei den „Flüchtenden“ oder bei den „Suchenden“?

Schließlich: Wie lange wollen sie noch in Ihrem Suchtmuster verharren?