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Das große Harmoniebedürfnis

Gespräch mit drei Vorständen zur weiteren Entwicklung des Unternehmens. Im ersten Workshop, den ich mit den Führungskräften hatte, war deutlich geworden, wie ungewöhnlich nah, freundlich, angenehm und harmonisch das Miteinander dort war. Für einen Finanzdienstleister sehr ungewöhnlich.

Nun waren sich alle Vorstände einig, dass sie „konsequenter“ in ihrer Führung werden müssen. Ohne, dass es ausgesprochen wurde, war jedem klar, dass das auch „konfliktbereiter“ bedeuten würde. Soweit so gut. Jedoch immer, wenn ich von meiner Seite aus ebenfalls in Richtung „Konsequenz und Konflikte“ argumentierte, bekam ich die Gegenreaktion zu hören: Nein, nein, also so will man es doch auch nicht! Keinesfalls darf es so werden, wie bei den umliegenden Instituten. Schließlich ist ja doch eigentlich alles ganz gut so wie es ist… Und so weiter. Das Spiel wiederholte sich mehrfach.

Womit hatten wir es hier zu tun? Zum einen mit angstbedingter Abwehr. Wovor der Mensch „Schiss“ hat, sind schnell Argumente zur Hand, warum die Gegenwart doch ganz prächtig ist. Zum anderen hatten wir hier ein tolles Beispiel für externalisierte Ambivalenz. Jeder der Vorstände wusste wo es hin gehen muss und sagte das auch. Aber keiner von ihnen wollte da wirklich hin und genau deshalb, bekam ich dann immer die Gegenargumente zu hören.

Wie haben wir den gordischen Knoten gelöst? Ich malte auf das Chart eine Waage, links unten mit der schwergewichtigen Harmonie und rechts oben mit der leichtgewichtigen Konsequenz. Um nun eben nicht ganz auf die rechte äußere Seite zu müssen (z.B. weil das Unternehmen finanziell am Boden liegt), wurde allen klar, dass sie sich, noch auf der linken Seite der Harmonie, eben doch in Richtung der Mitte der Waage werden bewegen müssen. Genau in diesem Augenblick war dann auch das „Wollen“ da: Ein gutes Stück weit konsequenter führen wollen – um nicht am Ende radikal konsequent führen zu müssen.

Dieses Problem hätten wir schon mal gelöst. Ich bin gespannt, wie oft sich das „System“ noch wehrt gegen die anstehende Veränderung. Es wäre nur allzu menschlich.