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Jammern mit hohem Niveau

Ein Geschäftsführer fragte, ob ich nicht ausnahmsweise auch etwas für seine Mitarbeiter tun könnte; nicht nur für die Führungskräfte. Ich lehnte freundlich, aber mit klarer Begründung ab – und traf auf volles Verständnis bei meinem Gegenüber.

Der Grund war nämlich eine ziemlich heftige Erfahrung vor wenigen Wochen. Da hatte ich bei einem anderen Kunden noch „Ja“ gesagt, auf die Frage, ob ich Workshops für die Teamleiter und deren Mitarbeiter machen könnte. Fast alle davon liefen super – aber einer hatte es in sich!

Der Termin, ein Samstag, ließ eine Mitarbeiterin gleich mal betonen, wie wichtig ihr Freizeit im Leben sei und was sie deshalb von der Veranstaltung heute halte. Die Körpersprache der übrigen (verschränkte Arme und unbewegte Mimik) ließ ebenfalls nichts Gutes ahnen.

Trotz allem arbeiteten wir konstruktiv. Bis eine halbe Stunde vor Schluss. Da gab ein Mitarbeiter den Ton für die Schlussphase vor: Die Probleme, die hier besprochen würden, hätten mit dem wahren Leben ja rein gar nichts zu tun. Ein anderer pflichtete bei: in diesem Unternehmen würde nämlich schlichtweg alles schlecht laufen. Vor allem die Führungskräfte ganz oben, von denen könnte man rein gar nichts erwarten. Schließlich ging es noch um andere Abteilungen, die ihren Job nicht machen und nur deshalb sei man selbst in eben dieser aktuellen, unerfreulichen Lage, für die man selbst ja rein gar nichts könnte.

Ich gab mein Bestes: Würdigte das Engagement der Mitarbeiter (die tatsächlich einen hohen Einsatz im Arbeitsalltag zeigen), wies darauf hin, dass ja keiner perfekt ist, selbst Führungskräfte nicht, warb dafür zu erkennen, was man nicht ändern kann (und es so hinnehmen) und wo man selbst sehr wohl etwas tun könne (und das dann anpacken), und ob es nicht viel hilfreicher wäre für alle, wenn sie jetzt, anstatt über andere zu jammern und sich zu beschweren, prüfen, was sie selbst zur Verbesserung der Situation beitragen können.

Es half alles nichts. Die letzte halbe Stunde riss den Workshop nach unten. Und die Schlussrunde (die wollte ich mir dann doch anhören), war die schlechteste der vergangenen 20 Jahre. Klar, wer am Misserfolg schuld war, ich selbst, hatte ich doch dieses und jenes im Workshop (Zitat) „völlig verbockt“.

Mit dem Feedback konnte ich gut umgehen. Vom negativen Ergebnis schreibe ich mir selbst tatsächlich 10% Verantwortung zu für eine Passage, die ich anders hätte gestalten müssen. Die restlichen 90% waren aber das System selbst: die massive, schon Jahre eingeübte Kultur des Jammerns und Auf-Andere-Zeigens, um selbst für das eigene Verhalten keine Verantwortung übernehmen zu müssen. Genau das war es, was mir regelrecht Schmerzen in der letzten halben Stunde verursacht hatte. Und das war es, weshalb ich die Anfrage des anderen Kunden abgelehnt habe. Wie gesagt: Ich hatte sein volles Verständnis. Es wäre bei ihm nämlich nicht viel anders gewesen ...