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Der Wespenstich

400 km bin ich mit meiner Familie am Rhein entlang geradelt, von Mainz bis zur holländischen Grenze. Am vorletzten Tag wurde mein zwölfjähriger Sohn von einer Wespe in die Hand gestochen. Nachdem diese entsprechend anschwoll, fuhr er – tapfer, tapfer! – einhändig weiter, die dicke Hand immer schön nach oben haltend.

Und jetzt kommt‘s: Als nach etwa vier Tagen die Schwellung zurückging und die Hand wieder gesund wurde, blieb sie trotzdem oben! Im Auto, beim Essen, die ganze Zeit. Die Hand nach oben zu halten, das war bereits fest im Unbewussten meines Sohnes verankert. Er merkte es nur dann, wenn wir ihn ausdrücklich darauf hinwiesen. Drei Tage später war der Spuk dann vorbei. Durch die wiederholte „Zurechtweisung“ des Unbewussten durch sein Frontalhirn hat sich das Unbewusste einsichtig gezeigt und war bereit, die Hand wieder unten zu belassen.

Wenn es doch nur immer so schnell ginge! In Coachings sitzen die Denk- und Verhaltensprogramme meiner Kunden natürlich auch oft im Unbewussten und versehen dort hoch effektiv ihren Dienst. Ganz so, als wäre mein Kunde immer noch sechs oder sechzehn Jahre alt und sein Verhaltensmuster zur Bewältigung der aktuellen Situation hilfreich. Genau das ist es aber nicht. Es ist - im wahrsten Sinn des Wortes - unzeitgemäß.

Ein aktuelles Beispiel: Drei Geschwister hatten ihren Vater in der Leitung des Unternehmens abgelöst und bildeten durchaus ein gutes Team, zumindest so lange nur Standardthemen zu besprechen und zu entscheiden waren. Bei grundsätzlichen Fragestellungen gerieten sie jedoch jedes Mal so in Streit, wie sie es seit Kindertagen gewohnt waren: Die beiden Brüder „kloppten“ sich, altersgemäß mittlerweile mit Worten und nicht mehr mit Fäusten. Die Schwester dagegen verstummte, sie war unfähig, sich in diesen Streitsituationen überhaupt zu artikulieren. Sehr normal soweit und alles sehr menschlich. Viele Familienunternehmer können ihr eigenes Lied davon singen.

Was geht da vor sich? Die alten Streitprogramme der drei Geschwister laufen sehr schnell und nicht mehr rational steuerbar in den unbewussten Gehirnregionen ab. Es gilt also, in einem ersten Schritt gemeinsam zu erkennen und zu analysieren, welche Programme bei jedem Einzelnen genau ablaufen. Das ist so ähnlich, wie wenn man eine Filmsequenz von fünf Sekunden in einer Slow Motion von zehn Minuten betrachtet. Auf diese Art wird jedem bewusst (!), was genau in ihm passiert. Und auf dieser Basis kann jeder Geschwisterteil dann an Schritt Zwei gehen: Nämlich zu lernen, diese Muster künftig nicht mehr zu aktivieren und sich damit ein anderes, der Gegenwart angemesseneres Verhalten anzugewöhnen.

Das dauert zwar etwas länger als die drei Tage bei meinem Sohn mit seiner erhobenen Hand. Aber es ist äußerst lohnend, sowohl für die Beteiligten als auch für das Unternehmen.