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Zweischneidiges Schwert

Es ging ihm dreckig, dem neuen Kollegen einer Ausbildungsgruppe. So mies, wie noch nie in seinem gut 50-jährigen Leben. Die zweite Ehe war gescheitert, beruflich schrieb er schlechte Zahlen, und dann war ihm noch sein geliebtes Büro gekündigt worden.

Was von all dem war ihm anzumerken? Nichts! Als ich ihn kennenlernte, erlebte ich ihn als völlig „normal“. Weder wirkte er auf mich depressiv, was er aber definitiv war, noch besonders aufgedreht, was ebenfalls Zeichen einer Depression hätte sein können.

War das nun Segen oder Fluch, dass bei ihm „Innen“ und „Außen“ so wenig miteinander zu tun hatten? Wohl beides: Auf der einen Seite schützte es ihn natürlich. Wer sich in so einer schwierigen Situation befindet, ist verletzlicher als normalerweise. Auf der anderen Seite konnte der Kollege aber nicht daraufsetzen, dass jemand hinter seine Maske gucken und Rücksicht nehmen würde. Wie auch? Wie gut also, dass er selbst seinen Mund aufgemacht, seine Situation geschildert und später auch bearbeitet hat.

Die Erfahrung zeigt einfach: So schwer es manchen Menschen fällt, das „Innere“ mit dem vertrauten Umfeld zu teilen, es gibt nichts Besseres, um sich von dem, was einen belastet, zu befreien. Eine Voraussetzung gibt es natürlich: Der Gesprächspartner sollte bereit sein zuzuhören und Verständnis aufzubringen. Wer Sorge haben muss, sich für seine Gedanken und Emotionen rechtfertigen zu müssen, wird möglicherweise alles für sich behalten wollen.

Und Sie, zu wem gehen Sie, wenn Sie etwas loswerden wollen?