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Coronaleugner, Rechtsextreme, Führungskräfte

Eine schöne Duplizität der Ereignisse! Zwei Tage bevor in Berlin knapp vierzigtausend Menschen gegen alles Mögliche demonstrierten, hatte ich eben dort einen Workshop mit dem Board eines internationalen Mittelständlers. Und bei beiden Veranstaltungen ließ sich ein bestimmtes Phänomen gut beobachten.

Erstmal passte in meinem Workshop einem der Board-Mitglieder so manches nicht in den Kram und nach einem dreiviertel Tag fiel von ihm der Satz „Wenn das hier so weiter geht, werde ich beim nächsten Mal nicht mehr dabei sein!“. Danke!, sage ich immer bei solchen frühzeitigen Feedbacks, geben sie der Gruppe und mir doch die Möglichkeit rechtzeitig darauf zu reagieren. In diesem Fall hieß das: drei weitere Male erklären und präzise begründen, weshalb wir im Workshop nun genau so vorgehen werden wie von mir geplant und nicht anders (vor allem: schneller), wie von ihm gewünscht. Ich hatte jedes Mal einen aufmerksamen Zuhörer, der dadurch verstand, worum es mir ging, auch wenn er – sein gutes Recht – nicht immer ganz damit einverstanden schien. Am Ende des Workshops aber kam von ihm, genauso wie von allen anderen, die klare Zusage, beim nächsten Mal wieder mit von der Partie sein zu wollen.

Und was hat das mit der Demo in Berlin gemeinsam?

Da waren zum einen mal die „ganz normalen“ Leute; ich meine diejenigen ohne Flaggen oder Aluhut, die aber trotzdem die Maskenpflicht als eine Zumutung empfinden. Ganz ehrlich: das kann ich erst einmal nachvollziehen. Die Aussage der Bundeskanzlerin in ihrer Sommer-Pressekonferenz „Das Virus ist gefährlich und es bleibt gefährlich“, hört sich nach all den vergangenen, in der Summe doch sehr harmlosen Monaten, eher nach einer Phrase an als nach einem Faktum. Warum bitte ist es denn nochmal so gefährlich?

An zwei Gründe meine ich mich zu erinnern: Erstens ist es wesentlich infektiöser als herkömmliche Grippeviren, Schätzungen zufolge um das fünf- bis zehnfache. Und zweitens, Stichwort Exponentialfunktion, wenn wir die Kurve nicht flach halten, dann droht eine völlige Überlastung des Gesundheitssystems, die, wie gesehen, nicht nur die Corona-Erkrankten trifft, sondern eben auch alle anderen, die dringend auf ihre Operationen warten. Ganz abgesehen davon, dass Marc Beise in der SZ darauf hinwies, dass der Lockdown im Frühjahr letztlich den kleineren (!) Schaden für die Wirtschaft bedeutet hat, als wenn man alles wie normal hätte weiterlaufen lassen.

Ich bin überzeugt, es wäre ziemlich hilfreich, diese Aspekte den Bürgerinnen und Bürgern immer wieder neu ins Bewusstsein zu rufen und es nicht mit Plattitüden bewenden zu lassen. Das Mantra von „gefährlich“ provoziert bei vielen auf Dauer nur das Gegen-Mantra „überflüssig“. Das führt zu einem Gegeneinander statt zu einem Miteinander - und das bringt uns alle in eine Blockade anstatt voran.

Ach ja, und jetzt noch die Rechtsextremisten. Alle Parteien fanden es heute gleichermaßen „unerträglich“, dass da einige von ihnen mit ihren Reichsflaggen die Stufen zum Bundestag hoch gestürmt gekommen waren. Ich natürlich auch, ganz einfach, weil ich alles Radikale, egal ob von rechts oder links, ablehne. Aber ein einziger Politiker machte sich die Mühe, es genauer zu begründen weshalb diese Aktion denn gar so unerträglich war: Olaf Scholz. Er schrieb: "Unser Grundgesetz garantiert Meinungsfreiheit und das Demonstrationsrecht. Es ist die Antwort auf das Scheitern der Weimarer Republik und den Schrecken der NS-Zeit. Nazisymbole, Reichsbürger- & Kaiserreichflaggen haben vor dem Deutschen Bundestag rein gar nichts verloren."

Drei Beispiele, ein Lerneffekt:

Es lohnt sich, sich immer wieder aufs Neue die Mühe zu machen, mit klaren, gut begründeten und nachvollziehbaren Argumenten für die eigene Position zu werben. Die Wahrscheinlichkeit, dass man die Menschen in seinem Unternehmen oder auch im privaten Umfeld damit für sich gewinnt, ist hoch. Zumindest deutlich höher, als wenn beide Seiten sich immer nur dieselben Schlag-Worte um die Ohren hauen.