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Die Metamorphose eines Vorstands

Gute fünf Jahre war es her, seit ich meinen Coachee zuletzt gesehen hatte. Damals war er noch Vorstand eines Finanzdienstleisters gewesen; seit drei Jahren ist er nun Bereichsleiter in einer großen Sozialorganisation. Der Abschied aus der Finanzwelt kam nicht freiwillig, wie er selbst ganz offen zugab.

Das Verblüffende war nun, dass mir scheinbar ein völlig anderer Mensch als noch vor fünf Jahren gegenüber saß. Den Vorstand von damals hatte ich in Erinnerung als geradezu aristokratische Erscheinung. Er war extrem auf Fakten fokussiert, sehr intellektuell und mit recht wenig Zugang zu seinen Emotionen. Ein sehr angenehmer Mensch, aber es war nicht viel Power, die er damals so ausstrahlte.

Und jetzt?

Struktur und Logik waren natürlich immer noch da. Aber sie waren jetzt wesentlich unterstützt von einer exzellenten „Bauchanbindung“. Auf die von mir im Coaching oft gestellte Frage, welche der diskutierten Problemlösungen sich für ihn denn am besten anfühlen würde, konnte mein Coachee stets sofort eine Antwort liefern. Vor ein paar Jahren war das für ihn noch purer Stress gewesen, auf solch „abwegige“ Aspekte wie ein Bauchgefühl antworten zu müssen. Aber auch darüber hinaus: mir fiel seine entspannte Mimik, die gute Atmung und eine sehr gelassene und zufriedene Ausstrahlung auf.

„Wie kommt's?" fragte ich ihn. "Was war der Auslöser für Ihre so ganz andere Ausstrahlung?“

Seine Antwort war ebenso spannend wie eindeutig: „Über 20 Jahre hatte ich nur mit meinesgleichen zu tun.“, sagte er, „Banker und Juristen. Wir waren im Vorstandsbereich durch eine Doppeltüre von der Belegschaft getrennt, hatten einen dickeren Teppich als diese, und so weiter. Seit drei Jahren nun bin ich mittendrin. Schmuckloses Büro, kaum zu unterscheiden von meinen Mitarbeitern. Und um mich herum lauter Menschen aus den verschiedensten europäischen Ländern und Berufen – vom ehemaligen Bergarbeiter aus Polen bis zum gelernten Schlosser aus Süditalien.“

Die Menschen, mit denen mein Coachee nun Tag für Tag zu tun hatte, redeten anders als er, sie dachten anders, sie fühlten anders und sie handelten anders. Bei aller hierarchisch bedingten Macht und Weisungsbefugnis, die er als Bereichsleiter natürlich hat, war klar, dass es an ihm war, sich seinem Team anzupassen, wollte er hier gut verstanden und auch gewertschätzt werden. Ein Anpassungs- und Lernprozess war das, der über viele Monate ging.

Aber neben all dem Stress, den so ein Adaptionsprozess natürlich bedeutet, war mein Coachee auch froh zu erkennen, dass Führen und Arbeiten „so ganz anders ja auch geht“: mit weniger Abstand, dafür mehr Nähe, mit weniger Superlogik, dafür mehr Gefühl. Da darf dann, im positivsten Sinne, auch die Haltung etwas nachlassen und der ganze Mensch sich locker machen.

Ihm tut’s gut. Der Zusammenarbeit tut’s gut. Und seinen Verantwortungsbereich bringt es ganz offensichtlich ebenfalls voran.

Gibt’s was Besseres?