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Dumme K.O.-Frage im Auswahlgespräch

"Meine K.O.-Frage bei der Auswahl eines Bewerbers: 'Waren oder sind Sie in psychotherapeutischer Behandlung?'" Genau so, war es in LinkedIn gestern in einem Post zu lesen. Das Problem daran ist allerdings nicht, dass die Frage unzulässig ist; das ist eh klar. Das Problem sind die Denkschranken desjenigen, der diese Frage stellt.

Variante 1:
Er hält alle, die in Therapie waren für bekloppt.

Variante 2:
Er hat selbst schon Therapie-Erfahrung und weiß es zu schätzen, wenn Menschen sich ihren inneren Blockaden und Ängsten stellen, anstatt sie zu verdrängen und sich mit all ihren Neurosen den Kolleginnen zuzumuten. Und es gibt vielleicht bei ihm sogar Pluspunkte, wenn diese Kandidaten darüber hinaus den Mut haben, dazu auch im Bewerbungsgespräch zu ihrer Therapie zu stehen.

Jetzt aber kommt’s: EGAL, ob der Fragesteller im Schema 1 oder 2 denkt - er macht in meinen Augen zwei Fehler:

Diese Frage zur K.o-Frage zu erklären heißt, alle anderen 50 Antworten und 100 Eindrücke zu ignorieren. Alles nur aufgrund einer extrem fokussierten Sicht auf die Dinge. Diesen Blick könnte man auch als beschränkt bezeichnen.

Und weil er mit - vermutlich einigen wenigen - Menschen, die in psychologischer Behandlung waren, entweder schlechte oder gute Erfahrungen gemacht hat, meint er offenbar, er müsste jetzt mit dem Kandidaten zwingend wieder die selben Erfahrungen machen. Hm … ob das so klug ist?! In meinen Augen hat das das gleiche Niveau wie: „Weil mein erster Ehepartner schwarze Haare hatte und ich jetzt von ihm geschieden bin, drum muss der nächste blond sein. Weil alle Schwarzhaarigen …“

Letzter Punkt: Meine eigene Therapie, die ich am Ende meines Studiums gemacht habe, war das Beste, was mir je passieren konnte. Sie hat mich nämlich bewahrt vor Zielen, von denen ich nur dachte, dass ich sie hätte. Dann würde ich heute in unserem Familienunternehmen Badewannen und Brausearmaturen verkaufen. Und sie hat mich zu dem Berufsbild gebracht, das ich bis heute liebe, Menschen in ihrer Entwicklung begleiten zu dürfen, vor allen Dingen diejenigen, die in der ersten und zweiten Ebene Führungsverantwortung tragen. Danke Psychotherapie, Du hast mir ein erfülltes Leben beschert! :)