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Wenn meine Kunden zu spät kommen

Erste Kaffeepause im Seminar für Vorstände. 10:30 Uhr hatten wir für die Fortsetzung des Seminars vereinbart. Von acht Teilnehmern saßen um diese Uhrzeit drei tatsächlich auf ihren Plätzen und drei weitere kamen in den nächsten zwei Minuten zurück. Doch das war’s dann erst einmal.

Es gibt Kollegen, die stehen in einer solchen Situation auf und bitten die Fehlenden darum, doch hereinzukommen, damit man weitermachen könne. Andere setzen das Seminar pünktlich fort, die Zuspätkommenden setzen sich dann möglichst geräuschlos wieder dazu. Ich dagegen entschied mich abzuwarten. Die Türe stand offen und wir alle konnten dem Gespräch da draußen lauschen. Die Teilnehmer im Raum grinsten mich bereits an und warteten gespannt, wie das Ganze wohl weitergehen würde.

Geschlagene sieben Minuten über der Zeit kamen dann die beiden verbliebenen Vorstände in den Raum, die frisch gefüllte Kaffeetasse in der einen, ein Keks in der anderen Hand. „Herr Schmeer, daran müssen Sie sich gewöhnen. Wir sind Vorstände.“ sagte einer der beiden in einem definitiv nicht überheblichen, eher leicht selbstironischen Tonfall. Aber auch verbunden mit der impliziten Ansage, wessen Regeln hier seiner Meinung nach gelten sollten.

Diese Steilvorlage griff ich nur allzu gerne auf und nutzte sie, um meine Sicht auf die Dinge darzustellen, zum Beispiel das Messen mit zweierlei Maß: Wer zu spät kommt, signalisiert damit nichts anderes, als dass er die eigene Zeit für wertvoller hält als die derjenigen, die er warten lässt. Außerdem schwingt die Botschaft mit: „Ich bestimme selbst, wann die Pause zu Ende ist. Vereinbarungen mögen für andere gelten, aber nicht für mich.“ Aber es ging natürlich auch um die Frage, ob er als Vorstand von seinen eigenen Leuten Zuverlässigkeit und das Einhalten von Vereinbarungen erwartet – und was er glaubt, bei diesen auszulösen, wenn er sich selbst nicht daran hält ... und ähnliches mehr.

Zwei Effekte hatte diese ungeplante Seminarsequenz:

In den folgenden zwei Tagen saßen immer alle Teilnehmer pünktlich auf ihren Stühlen. Und der Teilnehmer mit der Kaffeetasse sagte in der Schlussrunde, dass genau dieses Erlebnis für ihn den wichtigsten Lerneffekt bedeutet hätte. Er hat sich ausdrücklich dafür bedankt.

PS: Sehr schön, das spricht für diesen Vorstand. So etwas vertragen nämlich nicht alle. Als ich vor einigen Jahren einige Bereichsleiter eines Finanzanbieters ebenfalls bat, doch pünktlich aus den Pausen zurückzukehren, schwiegen sie dazu und beschwerten sich im Anschluss bei ihrem Vorstand: sie hätten es als Bereichsleiter doch nicht nötig, sich von mir erklären zu lassen, dass sie pünktlich sein müssten. Es war mein letzter Auftrag bei diesem Kunden.